Start Die Welt ist nicht genug Unsere Texte/Kampagnen Artikel Exklusiv Interview mit Martin Kind
Exklusiv Interview mit Martin Kind PDF Drucken

 

Für das Magazin Estetic Pure hat Jens Hauschke exklusiv mit Hannover-96-Präsident Martin gesprochen. Dabei ging es nicht um die sportliche Situation des Fußball-Bundesligisten sondern vor allem um die Zukunft des Vereins. So erklärt Kind unter anderem, warum der Umsatz des Profiteams auf mehr als 100 Millionen Euro steigen muss, um künftig noch wettbewerbsfähig zu sein. 


Lieber Herr Kind. Lassen Sie uns die sportliche Situation bei Hannover 96 einmal außen vor und über die Gesamt-Entwicklung sprechen. Der erste neue Mann ist mit Martin Bader als Geschäftsführer Sport bereits verpflichtet worden, die Einstellung eines Sportdirektors steht bevor. Was sind die weiteren Schritte in Sachen Personal beziehungsweise Strukturen im Verein?

Herr Bader ist ein weiterer Geschäftsführer der Gesellschaften von Hannover 96. Unser Premiumprodukt ist die Bundesliga-Mannschaft. Herr Bader ist damit befasst, die vereinbarten Strukturänderungen und Weiterentwicklungen einzuleiten und personelle Entscheidungen vorzubereiten – zum Beispiel die Einstellung eines Sportdirektors und Verantwortliche für die Mannschaftsentwicklung und das Scouting. Darüber hinaus soll es in den nächsten Jahren auch einen Geschäftsführer für den Bereich der Administration/Verwaltung bei Hannover 96 geben.

In Sachen Struktur hat sich in diesem Jahr auch noch etwas anderes getan: Der Verein Hannover 96 hat seine restlichen Anteile an der Profifußballgesellschaft Hannover 96 GmbH & Co. KGaA verkauft. Sie haben immer betont, wie wichtig dieser Schritt ist. Aus welchem Grund?

Nach heutiger Einschätzung haben wir nur dauerhaft eine Chance, wenn wir unseren Umsatz auf über 100 Millionen Euro steigern können. Dann hätte 96 eine Chance, sich in der oberen Hälfte der Bundesliga zu etablieren. Wir sind aktuell bei gut 80 Millionen Umsatz. Nach Fertigstellung des Nachwuchsleistungszentrums im Jahre 2017 muss es unsere Philosophie sein, eine positive Transferbilanz zu entwickeln. Der Profibereich und der Nachwuchsbereich von Hannover 96 wird in der Rechtsform der GmbH & Co. KGaA betrieben. Somit ein Wirtschaftsunternehmen mit einer entsprechenden Unternehmensphilosophie und ertragsorientiertem Denken. Hannover 96 hat ein Zwei-Säulen-Modell entwickelt. Das Wirtschaftsunternehmen Profifußball und der gemeinnützige Verein im Breitensport. Dieses Modell hat sich bestätigt. Der Verein und das Wirtschaftsunternehmen haben sich erfolgreich entwickelt. Die Basis der Gestaltung der Zukunft. Es gibt immer Herausforderungen. Märkte verändern sich, die Veränderungen sind zu gestalten.

Dann scheinen Sie ja gut aufgestellt. Oder gibt es in sportlicher, struktureller oder wirtschaftlicher Sicht noch etwas, was man aus ihrer Sicht kurzfristig anpacken muss?

Kurzfristig ist es unser Ziel, in der Saison 2015/2016 den Klassenerhalt zu sichern. Der sportliche Erfolg ist für Begeisterung und Emotionen der Motor. Hannover 96 gehört zu der Stadt Hannover und zu der Region.

Und langfristig? Wie ist ihre Vision für den Verein in fünf Jahren. Vom Image und von der Wirtschaftlichkeit. Wie soll Hannover 96 nach ihrem Wunsch wahrgenommen werden. Für was soll der Verein stehen im Rest der Republik?

Grundvoraussetzung ist die dauerhafte Zugehörigkeit zur Bundesliga. Ein Abstieg ist nicht diskussionsfähig. Das gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Also wollen wir 96 nachhaltig in der oberen Hälfte etablieren, und wir sollten mit den Abstiegskämpfen nichts mehr zu tun haben. Mehr ist nicht möglich. Es sei denn, man verbessert die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, eine deutliche Umsatzerhöhung oder eine Kapitalerhöhung. Dann könnten wir die Ziele offensiver formulieren.

Eine weitere Baustelle wurde in der vergangenen Saison geschlossen worden: Sie haben ja mit dem Umbau der Fankurve und der Einstellung eines zweiten Fanbeauftragten auch die Situation mit den Ultras klären können. Sind sie da jetzt auf dem richtigen Weg? Und wie fühlt sich die Unterstützung der Anhänger in der laufenden Saison an?

Die aktive Fanszene steht für eine lebendige Fankultur. Stimmung orientiert sich natürlich auch an Ergebnissen. Die Stimmung in der HDI Arena ist gut, die Initiative geht in erster Linie von der aktiven Fanszene aus, mit starker Unterstützung der West-, Süd- und Ostkurve. Wir haben in Deutschland eine einmalige Fußballkultur. Wir haben moderne Arenen, Steh- und Sitzplätze. Im Ergebnis eine Superstimmung. Uns ist es wichtig, dieses wunderbare Fußballerlebnis zu erhalten.

Eine wahrhaftige Baustelle ist das Jugendleistungszentrum. Der Neubau ist in vollem Gange – aber öffentlich ist das Projekt noch nicht so richtig präsent geworden. Auch hier haben Sie immer betont, wie wichtig dieses Projekt sei. Wie ist da der Stand – und ihre Zielsetzung?

Nach aktuellem Bauplan gehe ich davon aus, dass noch im Dezember das Richtfest sein wird. Das neue NLZ ist ein Invest, um im Benchmark der Bundesliga wettbewerbsfähig zu werden und in der Zukunft zu bleiben. Wir investieren rund 17 bis 18 Millionen netto für dieses Nachwuchsleistungszentrum.

Die Marke Hannover 96 bundesweit zu etablieren ist sicher der schwierigste Schritt, zumal er ja auch immer mit der sportlichen Situation zusammenhängt. Sie haben immer betont, dass ein bleibendes Image von Bedeutung ist. Kann man da überhaupt aktiv etwas unternehmen – oder muss das ein Ergebnis der Stellschrauben sein, an denen Sie gerade drehen?

Zur nationalen Marke zu werden gelingt nur, wenn man dauerhaft europäisch spielt, davon sind wir entfernt. Aber wir können unser Markenprofil schärfen, die Eigenschaften deutlicher herausarbeiten, für die 96 steht und wie der Klub wahrgenommen wird: Professionelle Strukturen, nachhaltige und erfolgreiche Nachwuchsarbeit, tief verwurzelt in der Landeshauptstadt und der Region.

Lieber Herr Kind, im September 1997 haben Sie zum ersten Mal das Amt des Präsidenten bei Hannover 96 übernommen. In einer heiklen Situation: Es drohte die Insolvenz. Mittlerweile ist der Verein in der Bundesliga etabliert. Da in der schnelllebigen Zeit viele vergessen, was alles passiert ist: Was waren in der Rückschau die für Sie wichtigsten Schritte bis heute…

Erlauben Sie mir einen kurzen Rückblick. 1997/1998 Aufstieg von der dritten in die zweite Liga, 2002 der Aufstieg in die erste Fußballbundesliga. Nunmehr spielen wir 14. Jahre in der ersten Liga. Teilnahme an der UEFA Euro-League in zwei Saisons. Darüber hinaus haben wir die HDI Arena gebaut, eine wichtige Entscheidung für die Entwicklung von Hannover 96. Aktuell investieren wir in das Nachwuchsleistungszentrums und das Vereinszentrum in der Stammestraße. Ich lebe im Hier und Jetzt, will die Zukunft gestalten. Das Fundament für die Entwicklung ist gut, es gibt jedoch noch viel zu tun.

Und wenn die letzten strukturellen Aufgaben, die Sie sich vorgenommen haben, abgeschlossen sind – in welcher Funktion werden wir Sie künftig bei Hannover 96 sehen?

Vorerst werde ich weiter Geschäftsführer sein, danach werde ich in den Aufsichtsrat wechseln und dort meine Erfahrungen aus vergangenen Jahrzehnten in die Entscheidungsprozesse einbringen.